Wednesday, December 20, 2006

Back in Switzerland















Die einzige Reise zu sich selbst führt einmal um die Welt.

Thursday, July 20, 2006

Juni V - Rio de Janeiro

24. Juni bis 7. Juli 2006
Rio de Janeiro
Umgeben von Kokospalmen, direkt am breiten weissen Sandstrand der Flamengo Beach, ungefaehr dort, wo heute die unscheinbare Rua Paysandu beginnt, soll das erste Haeuschen von Rio de Janeiro gestanden haben. Weiss gestrichen, um der Hitze zu trotzen, von bunten Papageien umflogen, erbaut und bewohnt von den ersten europaeischen Siedlern.














Das Hotel Paissandu, unsere Unterkunft, steht heute genau an jenem historischen Ort. Der Regenwald ist den Wolkenkratzern gewichen, doch noch immer tummeln sich Paradiesvoegel im Stadtdschungel: die Cariocas, die sieben Millionen Einwohner Rio de Janeiros. Carioca ("weisses Haus") sei ein Lebensgefuehl, eine Zugehoerigkeit, eine Einstellung und Philosophie. Carioca werden koenne jede und jeder, aber den Status verlieren, dies haette noch niemand zu Stande gebracht.













Waehrend zwei Wochen lebe ich mit den Cariocas, bade mit ihnen an den Straenden von Ipanema, Flamengo und Copacabana, feiere mit ihnen die Siege der brasilianischen Nationalmannschaft an der Fussball-WM und zeige mich solidarisch bestuerzt nach dem dramatischen Ausscheiden im Viertelfinale gegen Frankreich.

Keiner in Brasilien zog die Moeglichkeit je in Erwaegung, dass Ronaldo, Roberto Carlos und Ronaldinho mit ihrem Team vorzeitig aus dem Turnier ausscheiden koennten. Der Sieg war logisch und gewiss. Ueber Mannschaften anderer Nationen wurde nie gesprochen, als waeren diese nur Statisten, auf dem Weg zur brasilianischen Weltmeisterschaft. Spielen ohne Beteiligung der Seleçao schenkte man keine Aufmerksamkeit. Oft wurden solche bei der Live-Uebertragung mit Schaltungen zum Trainingsgelaende der Brasilianer unterbrochen.

Am Tag nach der nationalen Katastrophe schien die Stadt veraendert. Die wenigen verblassten gelb-gruenen Fahnen und Banden, die noch hingen, weigerten sich, im Wind zu flattern. Der kollektive Sonntagsspaziergang der Cariocas entlang der Ipanema-Beach glich einem hilflosen Trauerzug. Man sprach ueber das sommerliche Wetter trotz offiziellem Winteranfang, das Versagen der Polizei im Kamf gegen die Kriminalitaet, ueber die neue CD von Stadtbarde Chico Buarque. Fussball? Hat uns noch nie interessiert ...













Nach einigen Tagen verlasse ich das Hotel Paysandu im Flamengo-Quartier und ziehe um nach Ipanema, in ein Hostal wenige Schritte von der Beach entfernt. Mit dem System der oeffentlichen Verkehrsmitteln komme ich bald zurecht. Eine Metro und unzaehlige Buslinien verbinden die Straende mit dem Business-Zentrum, die Aussenbezirke mit dem Flughafen und die touristischen Sehenswuerdigkeiten mit den Flughaefen und belebtesten Plaetzen. Getreu meiner Devise, den Pulsschlag einer Stadt koenne nur zu Fuss erkundet werden, spaziere ich stundenlang durch Rios Strassen. Am Strand der Copacabana lege ich mich fuer eine Stunde in die Sonne, im "Garota da Ipanema"-Restaurant goenne ich mir ein Sandwich oder ich lasse mir an einem der vielen Saftbars einen frischen Fruchtdrink mixen. Zum Beispiel Maracuja-Traube-Mango. Mhm!














Ein Fuenftel der Bevoelkerung Rios wohnt in einer der etwa zweihundert Favelas, zB in Berimbeu oder in Cidade de Deus, wo der gleichnamige Film (http://www.cineman.ch/movie/2003/CidadeDeDeus/review.html) vor drei Jahren gedreht wurde. Auf einer dreistuendigen Tour zu Fuss durch Rocinha, der groessten Favela Suedamerikas ueberhaupt, lasse ich mir von einem Guide das soziale System im Quartier erklaeren. Wir besuchen Kindergaerten, Baeckereien, Kuenstlerateliers und sprechen mit Soldaten der Drogenmafia.














Nie fuehlte ich mich so willkommen in Rio wie hier in Rocinha. Die Bewohner der Favela begruessen uns freundlich, laden uns ein, moechten mehr ueber Europa erfahren und sind bereit, ueber ihre Lebensituation Auskunft zu geben.














Regiert wird die Favela von der ADA (Amigos de Amigos), einer straff gefuehrten Gang, die vom Geschaeft mit Drogen lebt. Die ADA sorgt fuer die Einwohner. Schulen und Sportplaetze werden gebaut, Aerzte beziehen ihren Lohn direkt von der Organisation. Die Bewohner Rocinhas sind sich einig: Das System funktioniert.














Die Erinnerung an die vielen lachenden Menschen, die den taeglichen Kampf gegen die soziale Missstaende aus Liebe zum Leben immer wieder von neuem beginnen, an die Gastfreundschaft von Menschen, die bereit sind, das wenige zu teilen, das ihnen selber kaum zum Ueberleben reicht, bleibt haften, als eine der eindruecklichsten Erfahrungen einer langen Reise, die mich auf Umwegen ueber sieben Laender Suedamerikas zurueck in die Schweiz, zu mir fuehrte.

Thursday, July 13, 2006

Juni IV - Brasilien

12. Juni 2006
Foz do Iguazú - Bonito
Von den Iguazú-Faellen am suedlichsten Zipfel Brasiliens fahren wir heute 850 Kilometer entlang der paraguayanischen Grenze nordwestlich ins Zentrum der brasilianischen Provinz Mato Grosso. Wir durchqueren eines der groessten Farmgebiete der Erde. Korn, Weizen, Maté und Zuckerrohr (fuer den Cachaça-Schnapps) werden hier angebaut, aber auch Rinderzucht im argentinischen Stil betrieben. Tagesziel ist Bonito, die selbsternannte Oekotourismus-Metropole.

Bonito entpuppt sich als verschlafenes kleines Staedtchen, nur die Hauptstrasse ist geteert, die meisten der vielen kleinen Adventure-Agenturen und Hostals scheinen geschlossen zu sein. Es ist Nebensaison. Doch die Umgebung von Bonito sei reich an versteckten kleinen Naturwundern: glasklare Fluesse zum Schnorcheln mit farbenpraechtigen Fischen, unterirdische Tropfsteinhoehlen, tiefblaue Lagunen, die zum Baden einladen.

13. Juni 2006
Bonito
Ein strahlend schoener Morgen laedt mich ein, noch vor dem Fruehstueck in den Swimming Pool des Youth Hostals zu springen. Da sitze ich also im Herzen Brasiliens auf einem Liegestuhl - waehrend am anderen Ende der Weltkugel eine ganze helvetische Nation nervoes dem ersten Fussball-Weltmeisterschaftsspiel der Koebi-Kuhn-Jungs entgegenfiebert.

Distanzen spielen keine Rolle, auch hier werde ich vom Virus infisziert: mit dem Schweizer Nationalshirt bewaffnet miete ich ein Velo und radle ins Zentrum von Bonito, um eine Bar zu suchen, die das Spiel live uebertraegt. Aufgrund der Zeitverschiebung wird hier in Brasilien bereits um zwoelf Uhr mittags angepfiffen. Ideal also, um von der bruetenden Mittagshitze zu fliehen. Die Schweiz tritt heute in ihrem ersten Spiel gegen den Gruppenfavoriten Frankreich an. Alles andere als eine Niederlage waere wohl eine grosse Ueberraschung.

Am Hauptplatz von Bonito finde ich ein Restaurant mit Grossleinwand auf der Terrasse. Ideal also. Brasilianer scheinen sich fuer das Spiel nicht zu interessieren. Das Restaurant ist praktisch leer. Eine Familie mit kreischenden Kindern konzentriert sich auf die Plastikspielburg, und das junge Paerchen am Nebentisch spricht franzoesisch. Ha, denen werden wir's heute zeigen, denke ich, und praesentiere stolz mein Schweizer Shirt in Richtung des Nebentisches ... kommunikative Konfrontation scheint nun unausweichlich zu sein. Er, der maennliche Teil des Paerchens, entlarvt mich sogleich unschwer als Schweizer, stirnrunzelnd. Sie jedoch stellt sich als Sonja aus Luzern vor. Juhuu! Eidgenossen in Ueberzahl also. Zwei gegen einen! Der Rest ist Geschichte: Die Schweiz ringt dem spaeteren WM-Finalisten Frankreich ein Unentschieden ab, und setzt damit den Grundstein fuer den Gruppensieg. Was fuer ein Tag!

Und der Tag hat eben erst begonnen. Am Nachmittag spielt Brasilien seine erste Partie, gegen Kroatien. Kurz vor dem Anpfiff leeren sich die Strassen, die Laeden schliessen, Busfahrplaene werden unterbrochen und Lehrer proklamieren schulfrei. Das Brasilianer fussballbegeistert sind, ist kein Geheimnis, doch die Euphorie waehrend einer Fussballweltmeisterschaft kennt keine Grenzen. Zusammen mit den Englaendern, und zusammen mit der halben Stadtbevoelkerung, schaue ich das Spiel auf der selben Leinwand auf der sich mir am Morgen schon der Schweizer Triumpf praesentierte.

Erwartungsgemaess entscheiden die Suedamerikaner das Spiel fuer sich. Was jeder einzelne in Bonito schliesslich auch erwartete, denn Brasilien werde Weltmeister, verdient, aus logischen Gruenden gaebe es keine Alternative. Zelebriert wird der Sieg, wie dies nur Brasilianer koennen: Mit einem riesigen Moped-, Toeff-, Auto- und Buscorso auf der geteerten Strasse in Bonito. Hupend, mit droehnenden Motoren und riesigen Verstaerkeranlagen auf den Daechern der Autos. Ein Gefluegeltransporter und das lokale Krankenauto schliessen sich in aller Selbstverstaendlichkeit der Parade an. Wir fragen uns, wo ploetzich die vielen Menschen hergekommen sind.

Der Umzug endet in einer ausgelassenen Party auf dem Hauptplatz, die die ganze Nacht andauert. Wir stossen mit Caipirinhas an, tanzen mit Einheimischen Samba und Reaggeton, und koennen uns nicht vorstellen, was hier wohl abgeht, wenn Brasilien in vier Wochen tatsaechlich Weltmeister wuerde.

14. Juni 2006
Bonito
"Bonito, todo me parece bonito" (Schoen, alles kommt mir so schoen vor) singt der Spanier Jarabe de Palo in seinem Song, der uns seit Tagen unausweichlich nachgeistert. Und tatsaechlich laesst's sich in Bonito gut leben. Den zweiten vollen Tag hier nutze ich vor allem fuer etwas: Nichts tun!

Die Liegestuehle am Swimming Pool bieten sich als Staette der Sonnenanbetung geradezu unumgaenglich an. Ich erliege der Versuchung, gebe mich geschlagen, werfe das Handtuch, beziehungsweise breite es liebevoll auf eine der Liegen aus und lasse die warmen Strahlen der suedbrasilianischen Sonne meinen Koerper braeunen. Wie immer in solchen Situationen stelle ich mir, wie Freunde und Kollegen zuhause jetzt, in eben diesem Moment, sich im Licht einer duesteren Neonroehre vom Chef ueber die anstehenden Projekte, Arbeiten, Termine und Reorganisationen informieren lassen. Mit dieser Vorstellung im Kopf laesst sich das Reiseleben locker doppelt geniessen.

Nachmittags mieten Antonia, Richard und ich Fahrraeder um die Gassen, Plaetze und Laeden von Bonito zu erkunden. Vom Hunger gepeinigt (sonnenbaden ist anstrengend) suchen wir uns ein angemessenes Restaurant. Die Konzepte in brasilianischen Restaurants sind vielfaeltig und nicht immer auf Anhieb durchschaubar: Oft werden bessere Speisen zu relativ hohen Preisen angeboten, doch gleich mit zwei Tellern, also fuer zwei Personen serviert. Besonders beliebt sind die Kilo-Buffets, wo nach Gewicht bezahlt wird. Wir entscheiden uns schliesslich fuer ein kleines Lokal mit Executive Business Lunch. Ist auch in kurzen Hosen und ohne Kravatte erhaeltlich ...

15. Juni 2006
Pantanal
Uli gab vor bald neun Jahren seine Arbeit als Buehnentechniker an der Oper in Stuttgart auf, die Liebe zu einer brasilianischen Ballettaenzerin zog ihn nach Campo Grande in der Provinz Mato Grosso. Zwar lebt Uli heute nicht mehr mit seiner Frau zusammen, doch in Brasilien fuehlt er sich immer noch wohl, hier fand er sein neues Zuhause und hier werde er auch bleiben - Das einzige, was er in Suedamerika vermisse, sei ab und zu ein richtiges Stueck Kaese. Sein Einkommen verdient Uli heute als Touristenfuehrer. Vorwiegend Brasilianer und Englaender besuchen die Region von Bonito, manchmal auch Amerikaner, doch als Uli merkt, dass er mit mir deutsch sprechen kann, erklaert er, dies sei nun doch eher eine Ausnahme.

Uli fuehrt uns die kommenden zwei Tage ins Pantanal, mit 210'000 Quadradkilometern (fuenfeinhalb mal so gross wie die Schweiz) die groesste Sumpflandschaft der Welt. Hier leben 650 Vogel-, 80 Saeugetier-, 260 Fisch- und 50 Reptilarten, die meisten davon endemisch, also nur hier vorkommend. Waehrend der Regensaison steigt der Wasserspiegel im gesamten Gebiet um drei bis acht Meter, doch im Moment ist Trockenzeit, ein beachtlicher Teil der Gesamtflaeche liegt frei.

Wir uebernachten in der Fazenda San Francisco, einer riesigen Farm mit Rinderzucht und Oekotourismusangeboten http://www.fazendasanfrancisco.tur.br/english/index2.php?id=8. Nach einem mehr als saettigendem Mittagsmahl am wirklich kolosalen Buffet stuerzen wir uns bereits ins erste Abenteuer: Bootssafari auf einem nahegelegenen Seitenarm des Rio Miranda, inklusive einstuendigem Piranhafischen.

Am einfachsten faengt man diese beruechtigten Raubfische (teils mit mehreren Zahnreihen bewaffnet), indem man sich mit einem scharfen Messer ein kleines Schnittchen in den Zeigefinger macht, so dass Blut tropft. Nun den Finger ins dunkle schlammige Wasser halten, und sobald (dauert hoechstens fuenf Sekunden) der erste Piranha anbeisst, den Finger mit dem festgebissenen Fisch herausziehen.

Wir entscheiden uns fuer eine konservativere, weniger schmerzvolle Methode: kleine Rindfleischstuecke an Angelhaken haengen, die mit improvisierten Angelruten (Nylonfaeden und Bambusstangen) im Flusswasser gebadet werden. Innert weniger Minuten ziehen wir die ersten Fische aus dem Wasser, die dann spaeter zur Herstellung von Piranhasuppe (das grätige Fleisch eignet sich kaum fuer andere Zubereitungsarten) oder zur Kaimanfuetterung verwendet werden.

Die Nachtsafari per Jeep fuehrt uns waehrend einer Stunde durch Felder und entlang von Entwaesserungskanaelen. Nebst Hunderten von rot leuchtenden Kaiman-Augenpaaren entdecken wir Sumpfhirsche, Nachtvoegel, Capybaras (mit 70kg die groessten Nagetiere der Welt) und einen grossen schwarzweissen Ameisenbaer.

16. Juni 2006
Pantanal
In Argentinien und Bolivien verbrachte ich je einen halben Tag hoch zu Ross. Zeit also, auch den Sanftmut und Toleranz brasilianischer Pferde gegenueber unerfahrenen Touristen zu testen. Gleich vorweg: Wir sind beide wohlauf, den dreistuendigen Ausritt im Pantanal haben sowohl das Pferd als auch ich erstaunlicherweise ohne groessere Zwischenfaelle ueberlebt.

Saeugetiere erhalten wir heute Morgen keine zu Gesicht, die scheinen vom Getrampel der Hufe vorzeitig gefluechtet zu sein, doch eine naturbelassene Landschaft mit exotischen Baeumen und vielen bunten Voegeln bieten eine hervorragende Kulisse fuer den Ausritt. Uli und die anderen Begleiter servieren uns waehrend einer Pause brasilianischen Maté: gruener als die argentinische Variante, getrunken aus einem geschwungenen Kuhhorn, und v.a. mit eiskaltem Wasser zubereitet. Allen, inklusive Ian, dem sonst doch sehr vorsichtigen Australier, schmeckt die brasilianische Erfrischung vorzueglich.

Die Kanufahrt am Nachmittag fuehrt uns nochmals auf den Seitenarm des Rio Mirandas. Zu zweit (Richard und ich) paddeln wir durch das dunkle Wasser, entlang von Mangroven-Waeldern und Seerosenfeldern, beobachten kreischende Affenfamilien hoch oben in den Baumkronen und fragen uns immer wieder, wann und wo die beiden Reptilienaugenpaare wieder auftauchen, die doch noch eben direkt vor uns aus dem Wasser blickten.

Die freundlichen Gastgeber der Fazenda San Franciso laden uns am Abend zu einem Barbecue auf dem benachbarten Huegel ein. Wiederum werden wir kulinarisch mit einem riesigen Buffet verwoehnt. Die gegrillten Lammrippchen und Rindssteaks schmecken vorzueglich. Auch der Graufuchs, der immer wieder bis auf einen Meter an uns heranschleicht, wuerde wohl gerne von den gastronomischen Koestlichkeiten profitieren.

17. Juni 2006
Pantanal
Bevor wir dem Pantanal den Ruecken zuwenden steht nochmals eine letzte Safari auf dem Programm: diesmal per Jeep, vorwiegend durch die landwirtschaftlich genutzte Ebene am Rande des Sumpfgebietes. Wieder entdecken wir Capybaras, die sich nur wenige Meter entfernt von den Kaimanen an den Ufern von Entwaesserungkanaelen sonnen. Unzaehlige Vogelschwaerme picken frisch gesaetes Korn aus dem lehmigen Boden und bedienen sich am Buffet der jungen Maiskolben. Gegen 40% der Ernte verlieren die Farmer der Gegend jaehrlich, doch man lebe hier mit der Natur, nicht gegen die Natur. Den Wert der biologischen Vielfalt hat man hier laengst erkannt - nicht zuletzt aus touristischen Gruenden.

Nach einer letzten Mittags-Schlacht am Gaestebuffet, das ebenfalls wohl aus touristischen Gründen von biologischer Vielfalt zeugt, verabschieden wir uns vom wirklich zuvorkommenden Personal der Fazenda San Francisco. Ziel des Nachmittags ist es, moeglichst weit in Richtung Kueste voranzukommen, um den Weg zu unserem naechsten Etappenziel, Brotas, fuer morgen zu minimieren.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt durch endloses Agrarland hupt ein weisser Minibus hinter uns, ueberholt und haelt am Strassenrand. Die Besitzerin der Fazenda San Franciso steigt wild mit den Armen fuchtelnd aus. Hinter ihr die Receptionistin. Vergassen wir zu zahlen? Nein, ist erledigt. Hat jemand Gepaeck liegengelassen? Auch nicht. Weshalb folgen uns die beiden denn zwei Stunden? Wir oeffnen die Trucktuere, lassen die beiden rein, und sie lueften sogleich das Raetsel: "Wir hatten es verpasst, Euch auf der Farm persoenlich zu verabschieden und eine gute Weiterfahrt zu wuenschen". Wieder einmal mehr ueberwaeltigt uns die suedamerikanische Gastfreundschaft. Welcher Schweizer Hotelier wuerde einem Gast quer durch das halbe Land nachreisen, nur um sich zu verabschieden?

18. Juni 2006
unterwegs nach Brotas
Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen vom entfernten Horizont den Sand hinter der Tankstelle irgendwo inmitten der Provinz Mato Grosso erwaermt, packen wir unsere Zelte und fahren weiter. Zwar konnten wir gestern bereits einen beachtlichen Teil der Wegstrecke vom Pantanal nach Brotas hinter uns legen, aber noch immer stehen etwa 600 Kilometer vor uns.

Um zwei Uhr nachmittags unterbrechen wir die Fahrt, um das Spiel Brasilien-Australien in einer laendlichen Tankstellenspelunke zusammen mit etwa dreissig Truckerfahrern zu schauen. Die australische Fahne von Anna und Ian wird mit haemischem Schmunzeln im Restaurant begruesst, nach den ersten torlosen sechzig Minuten jedoch immer skeptischer beschielt. Schliesslich retten Ronaldo und Fred mit zwei erloesenden Goals die Ehre der Brasilianer - und damit wohl auch das Fortbestehen unserer Fahne.

19. Juni 2006
Brotas
Das kleine Staedtchen Brotas, wenige hundert Kilometer von Sao Paulo entfernt, nennt sich "Capital of Adventure Sports". Doch nebst Canyoning, Mountain Bike, River Rafting und Wandern wird nichts anderes angeboten. In internationalen Reisefuehrern sucht man vergebens nach Brotas. Vor allem brasilianische Touristen scheinen den Ort zu frequentieren - auch in Restaurants und Agenturen spricht man weder englisch noch spanisch.

Organisierte Adrenalinkicks erlebte ich in den vergangenen Monaten bereits genuegend, also verzichte ich auf einen River-Rafting-Ausflug und ziehe es vor, vor dem Bildschirm eines kleinen Restaurants in einen Emotionstaumel zu stuerzen: Schweiz-Togo, das zweite WM-Spiel der Schweizer Nationalmannschaft. Mit dem 2:0-Sieg schiessen sich die Koebi-Kuhn-Jungs auf den ersten Platz in der Gruppe. Besser als Bungee-Jumping!

Am Nachmittag lasse ich mich zusammen mit Antonia und Rachael zu einer Farm fahren, von wo aus wir wandernd mit einem Guide zwei etwa 90 Meter hohe Wasserfaelle besuchen. Unterwegs pfluecken wir frische Mandarinen von Baeumen und spazieren durch eine Kaffeeplantage.

20. Juni 2006
Brotas - Parati
Sao Paulo, die drittgroesste Stadt der Welt, umfahren wir weitraeumig. Die Zeit fuer einen Besuch fehlt uns, und die Kriminalitaet der Metropole ist beruechtigt. Uns ziehts heute vielmehr in das bunte Hafenstaedtchen Parati mit seinen Pflastersteingaesschen und kolonialen Steinhaeusern.

Parati erreichen wir spaet abends. Wir stellen unsere Zelte auf dem leeren Campingplatz unweit des Zentrums auf und zaubern uns ein letztes Abendessen aus der Truckkueche: Rindssteaks mit Salat.

21. Juni 2006
Parati
Bereits ueber fuenf Monate klettere ich nun auf Suedamerikas hoechsten Bergen, durchforsche den Regenwald, die Wuesten, Ruinen und Staedte. Doch einen ganzen Tag am Strand ausspannen, diese exquisite Erfahrung fehlt mir noch. Eine Beach-Pause in Parati mit seinen ueber dreihundert Sandstraenden und den unzaehligen Inseln im klaren Wasser bietet sich unwiderstehlich an. Also pilgere ich zusammen mit Richard an einen der nahen Straende, breite mein Badetuch aus und praesentiere mich der brasilianischen Tropensonne.

Grundsaetzlich gehoert stundenlanges Sonnenbaden zu eher unspektakulaeren Aktivitaeten, nicht aber, wenn aus der nahen Beachbar regelmaessig frische Caipirinhas serviert werden und die Moeglichkeit fuer Fussballpausen besteht: Holland-Argentinien sehen wir uns im Liegestuhl an, direkt am Strand, unter dem Sonnenschirm bei der Bar.

22. Juni 2006
Parati
Erfrischt vom kuehlen Bad im glasklaren Wasser der einsamen Bucht strecke ich Arme und Beine, recke mich auf der Matte, blinzle in die waermenden Sonnenstrahlen des brasilianischen Morgens und geniesse das sanfte Wiegen des Bootes. Aus den Lautsprechern erzaehlt Chico Buarque (http://chicobuarque.uol.com.br/) von der Anziehungskraft der tropischen Unbeschwertheit. Ewig koennte ich hier so liegen. Zusammen mit dem Meer, der Sonne, dem Wind.

Doch bald schon ankern wir an einem neuen Ort. Acht Meter unter uns spiegeln sich die Wellen am weissen Grund. Feinster Sand und einige grosse rote Seesterne. Hunderte von schwarz gestreiften Fischen schwimmen um unser Schiff. Wir setzen Taucherbrille und Schnorchel auf - und tauchen durch die Fischschwaerme.

Beim dritten und letzten Halt des Bootsausflugs schwimmen wir im untiefen Gewaesser einer versteckten Bucht. Meeresschildkroeten beobachten uns aus sicherer Entfernung.

23. Juni 2006
Parati - Rio de Janeiro
Nach zwei Monaten gemeinsamer Reise quer durch den suedamerikanischen Kontinent - von Ecuador bis nach Brasilien, ueber unendlich weite Hochebenen und durch Grossstadtdschungel, entlang weisser Wuesten und gruenem Farmland - steht unsere letzte Fahrt in Mamasita, unserem Truck, auf dem Programm. Gegen Mittag moechten wir Rio de Janeiro erreichen, unser Endziel.

Noch einmal eine letzte iPod-Playliste (mit Songs wie "I Go To Rio", "Copacabana" oder "The Girl From Ipanema"), die letzten "Bush-Baños" WC-Stopps und die letzten verzweifelten Versuche, mit suedamerikanischen Karten, die keinem Abbild der Wirklichkeit entsprechen, den direktesten Weg zu finden.

Und dann, nach nur vier Stunden Fahrt: dichter besiedeltes Gebiet, die ersten Hochhaeuser, Grossstadtverkehr, und von Ferne ein spitziger Berg, dessen gleichmaessige Form ich von so vielen Kalendern und Postkarten kenne. Paõ de Azucar, Sugar Loaf Mountain, Zuckerhut ...

... ich bin in Rio de Janeiro!

Thursday, June 29, 2006

Juni III - Iguazú Wasserfaelle

10. Juni 2006
Foz do Iguazú (Argentinien)
















Auf einer Breite von ueber zweieinhalb Kilometern stuerzt der Iguazu-Fluss (Grenze zwischen Argentinien und Brasilien) auf zwei Stufen 75 Meter in die Tiefe. Die Iguazú-Wasserfaelle wurden 1984 in die Liste des UNESCO Welterbes aufgenommen und gehoeren zu den imposantesten Naturwundern der Erde. Drei Monate zuvor liess ich mich von den Dimension des krachenden Perito-Moreno-Gletschers im eiszeitlichen Patagonien ganz im Sueden Argentiniens ueberwaeltigen, und nun stehe ich am noerdlichen Ende des Landes inmitten eines tropischen Urwaldes vor der donnernden Wand der wohl beruehmtesten Wasserfaelle. http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Cataratas_del_Iguaz%C3%BA

Die Dimensionen der Faelle verunmoeglichen es, die ganzen Ausmasse innerhalb eines Tages zu sehen. Also beschraenken wir uns heute auf die argentinische Seite und werden abends dann die Grenze nach Brasilien ueberqueren, um morgen die Aussichtsterrassen und -pfade auf der anderen Seite des Flusses zu besuchen.

Der erste Spaziergang im Iguazú-Nationalpark fuehrt uns zu einem Bootssteg am Fusse der Faelle. Nur abenteuerlustigen Wasserraten sei dieser zwoelfminuetige Ausflug empfohlen, erklaert man uns. Rucksaecke, Portmonnaie und Fotokameras verstauen wir in wasserdichten Beuteln. Wer hat, zieht vorsichtshalber seinen Regenschutz an, um von allfaelligen Wasserspritzern verschont zu werden. Auf dem Boot bietet uns ein Guide an, ein Gruppenfoto fuer 5.- US Dollar zu schiessen und einen Video zu drehen. Das Angebot schlagen wir ab, was zu folgender unguenstiger Konstellation fuehrt: Die technische Ausruestung fuer Fotos und Video kann am trockenen Land gelassen werden, und die Bootsagentur macht weniger Profit als erhofft, was selbstverstaendlich geraecht werden muss. Wir werden also nicht zu den Wasserfaellen, sondern direkt unter die Wasserfaelle gefuehrt. Zuerst dringt gruener Wasserstaub unter unsere Regenjacken, dann prasselt sommergewitterschauerartiger Regen auf uns nieder, und schliesslich praesentiert uns Mutter Natur, dass Wassertropfen durchaus die Dimension einer Badewanne einnehmen koennen. Innert Sekunden sind wir klitschnass aufgeweicht, das Boot mit original 4711 Liter Iguazú-Wasser gefuellt. Noch Stunden spaeter erinnern mich meine feuchten Wanderschuhe bei jedem Schritt an das ueberstandene Abenteuer: Pfsch pfsch pfsch pfsch pfsch ...

Nachmittags tuckern wir nochmals mit der Urwaldeisenbahn zum sogenannten "Teufelsschlund", den wir gestern Abend bei Mondeslicht bereits gesehen haben.

Der Grenzuebertritt nach Brasilien abends verlaeuft ruhig und sehr informell, schliesslich spielt die argentinische Nationalmannschaft ihr erstes WM-Spiel. Zollbeamte und Grenzpolizei beobachten das Spiel versammelt vor einem Fernseher, druecken uninteressiert den Visumsstempel in unsere Paesse und winken uns ueber die Grenze. Die Strassen sind leer.

11. Juni 2006
Foz do Iguazú (Brasilien)

Zuerst nerve ich mich ein wenig darueber, dass die beiden Tourguides, Anna und Ian, fuer heute Morgen einen Besuch im Bird Park von Foz vorschlagen. Ein Vogelpark, praechtig! Da muss ich mir ein paar Papageien hinter Gitter anschauen gehen, waehrend unweit die weltberuehmten Iguazú-Faelle ueber Dschungelklippen tosen. Doch meine Skepsis wurde Luegen gestraft: Nebst den Papageien hinter Gitter gabs auch Papageien vor Gitter, also zum in allernaechster Naehe zu betrachten, Strausse und Nandus drehten ihre Runden im Sand, Flamingos sonnten sich auf ihren langen duennen Stelzenbeinen, Geier und Adler pickten As, Koblibris flatterten mit riesigen Schmetterlingen um die Wette in einem begehbaren Gehege, unzaehlige tropische und exotische Voegel praesentierten ihre schillernden Farben, und die Tukane mit ihren surreal grossen Schnaebeln liessen sich sogar streicheln.

Eine erneute Bootsdusche auf der brasilianischen Seite der Wasserfaelle wurde nicht mehr angeboten. Dafuer eroeffneten uns die Pfade, Stege und Aussichtskanzeln ganz neue Perspektiven auf die hinabstuerzenden Fluten. Die Ausmasse der ganzen Wasserfaelle ist hier erst richtig abzuschaetzen. Hier wir einen abdeckenden Ueberblick, auf der anderen Seite gestern gelang uns eher ein Einblick in Details.

Tuesday, June 27, 2006

Juni II - Argentinien

6. Juni 2006
Salta
Nach sechs Wochen kehre ich also nach Salta zurueck, in die nordargentinische Stadt, in der ich im April schon einige Tage zusammen mit Christina verbrachte. Es kommt mir fast vor, als wuerde ich nach Hause kommen: all die Strassen und Gassen der Kolonialstadt kommen mir bekannt vor, ich weiss wo die besten Restaurants sind, welche Internetcafes die schnellste Verbindung haben und vor allem wo die schoggigsten Alfajores (Guetzli) angeboten werden.

Am Morgen staune ich einmal mehr ueber die mir fremden englischen Braeuche. Das Wetter waere herrlich, Salta wartet darauf, entdeckt zu werden, doch das english Breakfast aus der Truckkueche wird ueber zweieinhalb Stunden zelebriert: Pancakes, Toasts, Brot, Fruchtsalat, Tee und Kaffe, Ruehrei, Corn Flakes. Um elf Uhr endlich wird die Prozedur beendet, doch nur, weil sich Patrick von der Gruppe verabschieden muss. Nach sechs Monaten Reisen in Suedamerika zieht es ihn vorzeitig zurueck nach England. Zusammen mit Richard nuetze ich die Gelegenheit, dem English Breakfast zu entkommen und begleite Patrick zum Busterminal.

In Salta ist seit meinem letzten Besuch der Herbst eingekehrt: das Laub der Baeume an der Plaza de Armas leuchtet in bunten Farben, die kleinen gruenen Fruechte der vermeintlichen Zitronenbaeume sind nun prall, saftig und orange. Leuchtender und allgegenwaertiger als die Farben des Herbstes sind jene der argentinischen Nationalflagge. Ueberall wehnen Fahnen und Banner, jung und alt traegt weiss und hellblau, die Strassenhaendler bieten Girlanden, Hupen und farbige Perruecken an: In weniger als einer Woche wird die Fussballweltmeisterschaft angepfiffen, und dass Argentinien gewinnen wird, davon ist jeder hier ueberzeugt.

Auch hier werden die offiziellen Figurini Panini WM Fussballsticker verkauft - Gelegenheit also, Nachschub fuer unser in La Paz begonnenes WM Album zu besorgen. Neugierig oeffne ich mein erstes Paeckchen beim Mittagessen in einem franzoesisch-argentinischen Bistro, und stolz glaenzt mir die Schweizer Flagge entgegen! Juhuu!

7. Juni 2006
Salta
Den Cerro San Bernardo, einige hundert Meter ueber Salta, erklimme ich heute bereits zum zweiten Mal innert sechs Wochen. Die Sonne brennt und immer wieder halten wir, um Fluessigkeit nachzutanken. Das wohl verdiente Glace auf dem Gipfel schmeckt herrlich.

Den Nachmittag nutze ich fuer Internet, Waesche abholen und ausspannen im Strassencafe.

Abends grilliert Ian auf dem Campingplatz Steaks und Chorizos. Anna hat fuenf verschiedene argentinische Rotweine besorgt, die wir im Blindtestverfahren zum Apero geniessen. Noch lange bleiben wir auf den Klappstuehlen sitzen und plaudern ueber bisherige Erlebnisse und Erwartungen an die kommenden Tage in Argentinien und Brasilien.

8./9. Juni 2006
Salta - Misiones - Foz do Iguazú
Durch unendlich weite Pampasfelder, die sich im Dunst des Horizonts verlieren, durchqueren wir den Norden Argentiniens. In zwei Tagen moechten wir die Iguazú-Faelle erreichen. Die erstaunlich guten Strassen ermoeglichen uns, am ersten Tag bis nach Corrientes im Litoral, dem sogenannten argentinischen Zweistromland zu gelangen. Hinter einer Tankstelle finden wir eine perfekte Gruenflaeche, um zu uebernachten.


Am zweiten Tag halten wir in Misiones, um die Ruinen einer einstigen Jesuiten-Mission zu besichtigen. 40´000 Menschen sollen hier gelebt haben, vorwiegend Guaraní-Indianer, die dem Vorbild spanischer und portugiesischer Missionare folgten. Der Film "The Mission" mit Robert de Niro und Jeremy Irons erzaehlt von einer der mehreren Dutzend Missionsstaedte in der Region.

Heute ist Vollmond, ideale Bedingungen, um die Iguazu-Wasserfaelle bei einem Nachtspaziergang zu bestaunen. Nach dem Aufstellen der Zelte hinter der Jugendherberge der Grenzstadt Foz fahren wir also zum Eingang des Iguazú-Nationalparks. Hier steigen wir in ein Touristenzuegli und tuckern fuenfzehn Minuten lang durch den dunklen Dschungel bis zur Endstation. Zu Fuss gehts weiter aufr komfortablen Eisenstegen ueber einen riesigen sanften Fluss, der immer wieder von gruenen Inseln getrennt wird. Von fern tosen die Wasserfaelle, immer lauter, bis wir endlich auf der Kanzel ueber dem "Teufelsschlund" stehen. Das Licht des Mondes reicht nicht aus, um die Groesse der Faelle zu ermessen, doch das ohrenbetaeubende Brausen laesst unglaubliche Dimensionen erahnen. Wir freuen uns, dieses einzigartige Naturwunder morgen bei Tageslicht erleben zu duerfen.

Tuesday, June 13, 2006

Juni I - Bolivien

31. Mai 2006
Silberminen von Potosí
Seit bald sechshundert Jahren schuerfen und graben Menschen aus allen Kontinenten nach Silber, Kupfer und Zink am Cerro Rico am Rande Potosís. Unzaehlige Minenarbeiter sollen mit dem Leben bezahlt haben - Historiker sprechen von gegen acht Millionen Opfern. Noch heute betraegt die durchschnittliche Lebenserwartung der Arbeiter aufgrund von Unfaellen, Feinstaub und chemikalischen Daempfen nicht mehr als vierzig Jahre. Die Arbeitsbedingungen innerhalb der Minen haben sich seit dem Mittelalter kaum veraendert: Die Sprengloecher fuer die Dynamitstangen werden mit Hammer und Meissel in den harten Fels gegraben, das Aushubmaterial von Hand transportiert, und um die von den Kooperativen verlangten taeglichen Mengen an Silber zu schuerfen reichen zwoelf Stunden pro Tag nicht aus. Gegen sechstausend Maenner (ab etwa fuenfzehn Jahren) arbeiten zur Zeit am Cerro Rico. Frauen sind innerhalb der Minengaenge nicht willkommen, sie koennten Unglueck bringen ...

... ein Besuch in den Minen scheint also ziemlich abenteuerlich zu sein. Grund genug, um dies auszuprobieren. Wir kaufen ein paar Saecke Kokablaetter (die Minenarbeiter kauen Koka, um keinen Hunger zu kriegen), Dynamitstangen und Zuender, Biscuits und 96-prozentigen Alkohol, das bevorzugte Getraenk innerhalb der Mine. Mit diesen Geschenken steigen wir unter der Fuehrung Marlenas in einen der unzaehligen Eingaenge. Schon nach einigen Metern sind wir auf die Stirnlampen angewiesen, da keine elektrische Beleuchtung existiert. Nochmals einige Meter und der schmale Gang verengt sich weiter, so dass ich nur noch gebueckt weiter gehen kann. Wir passieren viele Verzweigungen, steigen enge Kanaele hinunter in tiefere Systeme, kriechen, verschnaufen (noch immer befinden wir uns auf ueber 4000 Hoehenmeter, wo die Luft sehr duenn ist) und treffen auf viele Arbeiter, mit denen wir einige Worte wechseln und sie etwas aus unseren Geschenksaecken auswaehlen lassen.

Die Minenarbeiter glauben, dass sie beim Graben in das Reich des Teufels vorstossen. Die Edelmetalle, die geschuerft werden, gehoeren ihm. Um ihn nicht boese zu stimmen, verfuegt jedes Minensystem ueber eine Kammer mit einer in Stein gemeisselten Teufelsfigur, der Opfergaben wie Kokablaetter oder Esswaren ueberreicht werden. Die kostbarste Opfergabe ist der hochprozentige Alkohol, der ueber des Teufels Penis gegossen und angezuendet wird. Steckt man dem Teufel eine brennende Zigarette in den Mund, und er raucht die Zigarette zu Ende, ist dies ein Zeichen, dass er die Opfergaben annimmt und keinen der Gaenge einstuerzen laesst.

In Potosí besuchen wir zudem die ehemalige Muenzstaette (das Silber musste so nicht weit transportiert werden) und amuesierten uns auf der Plaza de Armas (Hauptplatz) ueber den originellen nationalen Feiertag: Challenge Day! Ziel ist es, dass an diesem Tag jeder Bolivianer Sport treibt. Schulklassen rennen in Einerkolonnen um den Platz, eine Kung Fu Schule praesentiert ihre Kuenste und Senioren ueben sich in Taj Chi.

1. Juni 2006
Potosí - Uyuni
Wieder ein langer Driving Day, wieder gaehnende Stimmung im Truck, wieder freue ich mich ab einer meiner Playlisten meines iPods, wieder Schinken-Kaese-Mayonnaise-Sandwiches aus der Truckkueche.

Fuer Fotos halten wir an einem riesigen, bunten Friedhof fuer Minenarbeiter, fahren durch ausgetrocknete Flussbette, durch Schluchten, die perfekte Kulissen fuer Wild-West-Filme abgeben wuerden, und schliesslich praesentieren Anna und Ian ihre Mechanikerfaehigkeiten beim Wechseln eines platten Innenrades von Mamasita, dem Truck.

2. Juni 2006
Salar de Uyuni
Uyuni liegt auf etwa 3800 Hoehenmeter am Rande des groessten Salzsees der Welt. Unendlich weit breitet sich die spiegelglatte, trockene und blendend weisse Oberflaeche dieses ehemaligen Ozeans aus. Per Tagestour lassen wir uns waehrend zweier Stunden per Jeep vorbei an einem alten Lokomitiv-Friedhof zu einer Insel bringen. Mangels Fixpunkten am Horizont beschraenkt sich das perspektivenlose Panorama auf zwei Aspekte: weisse Flaeche und tiefblauer Himmel. Im Jeep fuehle ich mich wie in einem Flugzeug, das ueber ein Meer aus Wolken fliegt.

Kurz vor der Insel steigen wir aus und marschieren den Rest des Weges zu Fuss. Der verkrustete Boden unter knirscht unter meiner Fuessen, die Sonne brennt, nicht nur von oben, von allen Seiten gleichzeitig. Die Isla de los Pescas (Fisch-Insel) entstand aufgrund vulkanischer Aktivitaet am Boden des frueheren Ozeans. Noch heute ist die Oberflaeche der etwa zwei Quadratkilometer grossen Felsformation von fossilen Korallen und Schwaemmen ueberzogen. Riesige Cardon-Kakteen ragen in die Hoehe, um die an sich schon surreale Landschaft dramatischer erscheinen zu lassen. Der groesste der Kaktusriesen misst zwoelf Meter. Bei einem Wachstum von ein bis zwei Zentimetern pro Jahr laesst sich erahnen, dass dieser Kaktus wohl das Erbluehen des Inkareiches, die Ankunft der Spanier und die vielen Unabhaengigkeitskriege ueberlebt hat. Zwei Stunden lang erforsche ich das versteinerte Korrallenriff, stelle mir die Pracht der schillernden Fische vor, die hier vor Tausenden Jahren in einem Ozean lebten, dessen Wasser laengst verdunstet ist und der nur noch noch Salz zurueckliess, Salz dass heute ein Vielfaches des Weltbedarfs decken koennte, dass aufgrund der Schlichtheit eine der spektakulaersten Kulisse meiner Suedamerikareise bildete.

3. Juni 2006
Uyuni - Tupiza
Die kulinarischen Hoehepunkte Uyunis beschraenkten sich auf zwei Abende in derselben Pizzeria, dessen Holzofen Pizzas "gorgeous" waren. Ja, sie schmeckten wirklich wie echte italienische Pizzas, doch wir befinden uns hier in Bolivien, nicht in Italien. Also hoechste Zeit weiterzufahren, sonst wuerden die Britannier wohl noch auf die Idee kommen, ein drittes Mal Pizza essen zu gehen.

Der Name des heutigen Tageszieles klingt diesbezueglich ernuechternd: Tupiza, was mich extrem an "two pizza" erinnert.

Glueck gehabt, nach der wohl eindruecklichsten Fahrt bisher (viele farbige Felsformationen, Schluchten und Hochebenen) wird uns ein Restaurant empfohlen, welches Steaks serviert. Argentinische Steaks. Ich entscheide mich fuer das Chateau Briand, zu einem Preis, der in der Schweiz wohl nicht mal ein halbes Wienerli in einer Skihuette hergeben wuerde.

Ach ja, "Lomo a la suizo" (Steak nach Schweizer Art) ist nichts anderes, als ein dickes Steak, ueberbacken mit Schinken und Kaese.

Tupiza feiert heute seinen 487. Geburtstag. Es sei das zweitaelteste Dorf Boliviens ueberhaupt, belegen schriftliche Urkunden. Von den Spaniern gegruendet, v.a. um die Eroberung des Kontinents in suedlicher Richtung anzutreiben. Die Tupizanerjugend spaziert in getrennt geschlechtlichen Gruppen um den Dorfplatz, waehrend diejenigen Einwohner, die ihren Balztanz in frueheren Jahren bereits erfolgreich abgeschlossen haben, klatschen vergnuegt im Rhtythmus der Folkloremusik, die auf einer Buehne von lokalen Gruppen zum Besten gegeben wird.

4. Juni 2006
Tupiza
Mountainbike, Reiten und Jeepsafari - Der Abenteuer-Triathlon von Tupiza! Ich stelle mich der Herausforderung. Elf Kilometer radeln wir gemuetlich in der waermenden Morgensonne dem Rio Tupiza entlang, vorbei an roten und gelben Felsformationen, Maisfeldern und Cardon-Kakteen. Mal abgesehen vom dicken Sandwolken, aufgewirbelt von vorbeirasenden Autos, stellt dieser erste Teil des Triathlons kein grosses Problem dar. Meisterhaft ueberstanden.

Naechster Programmpunkt: Reiten! Oh, wenn ich mich an meine riskanten Reitabenteuer in Argentinien erinnere, so koennte mir nun wieder aehnlich dramatisches bevorstehen. Sicherheitshalber schnallen wir uns alle einen Helm um. Mein Pferd heisst Rosso, und entpuppt sich als wohlerzogen, sanftmuetig und anfaengerfreundlich. Die eineinhalb Stunden Reiten ohne Galopp-Zwischenfaelle foerdern mein Vertrauen in Pferde, ich geniesse die wunderschoene Landschaft, doch nach dem harten Velosattel haette ich ein weiches Sofa bevorzugt: Kann der Gaul nicht mal ein bisschen weniger schaukeln? Warum sind Saettel unbequem?

Dritter Teil des Triathlons: Jeep Safari. Wir besuchen zwei abgelegene Schluchten, deren Farben jedem Regenbogen locker Konkurrenz machen. An einer von hohen roten Tuermen umgebenen Flussbiegung machen wir Rast. Tamales, in Maisblaetter gewickelte Polenta mit getrocknetem Lamafleisch wird serviert, dazu die ueblichen Schinken-Kaese-Sandwiches und Fruechte.

Der Triathlon ist ueberstanden. Dachte ich. Doch anstelle uns zurueck zum Hotelpool zu bringen, faehrt der Guide mit uns auf einen ziemlich hohen Berg und schlaegt vor, dass wir von hier aus nun mit den Mountainbikes runterfahren. 17 Kilometer. Unzaehlige Kurven, Kiesstrasse. Ja, koennte durchaus lustig werden. Also fahren wir los, und merken bald, dass auf der holprigen Piste die erneute Zusammenkunft unserer Allerwertesten mit dem harten Velosattel eine Herausforderung sondergleichen darstellt. Doch auch diesen Programmpunkt meistern wir, wenn auch nicht alle in derselben Zeit.

5. Juni 2006
Tupiza - Salta
Auf den weichen Sitzpolstern von Mamasita sitzend schlaengeln wir uns durch bolivianische Altiplanotaeler der Grenze Argentiniens entgegen. Aufgrund der aeusserst strikten Richtlinien der argentinischen Zollbehoerde (keine Einfuhr von Lebensmitteln) sehen wir uns gezwungen, alle unsere angesammelten Biscuit- und Schokoladenvorraete innerhalb weniger Stunden nach der kulinarischen Methode zu vernichten. Erstaunlicherweise gewaehrt man uns an der Grenze Touristenvortritt - wir muessen nicht Schlange stehen und werden nicht durchsucht.

Ueber den argentinischen Stempel in meinem Pass freue ich mich mehr als die anderen der Gruppe. In Argentinien fuehlte ich mich waehrend meinem langen Aufenthalt von Februar bis Maerz sehr wohl, und es tut gut, wieder hierhin zurueckzukehren. Wenige Meter nach der Grenze halten wir, um unsere Lebensmittelvorraete wieder aufzustocken. Ich kaufe mir Empanadas de Pollo, eine Schoggimilch und Salzcracker.

In Salta treffen wir spaet am Abend ein. Der riesige Campingplatz mit dem angeblich groessten Swimming Pool des Kontinentes (zur Zeit ohne Wasser) ist vollstaendig leer. Wir stellen unsere Zelte auf und kochen Spaghetti.

Tuesday, June 06, 2006

Mai V - La Paz

26. Mai
La Paz
Nach einer laengeren Nacht (erstaunlich, wie Englaender, die wochenlang nur lethargisch im Truck liegen und vorwiegend die Zeit in einem fremden Land mit Schlafen verbringen, ploetzlich bis morgens um sechs trinken und diskutieren koennen) begebe ich mich mit Richard in das Getuemmel es groessten Marktes der Welt: La Paz. Ein Viertel der Bewohner dieser Zwei-Millionen-Stadt verdient seinen Lebensunterhalt mit einem Marktstand. Fixe Laeden in Haeusern gibts nur wenige. Viele der Gassen sehen nie Sonnenlicht, da die angepriesene Ware an Seilen ueber quer von Haus zu Haus gehaengt wird.

Hier ist alles zu finden, was das Herz begehrt oder nicht begehrt. Ich kaufe mir einen neuen Nagelclip (der alte scheint irgendwo in einem Hotelzimmer in Peru zu liegen), Batterien, ein Kurzwellenradio (um auch wirklich alle WM-Spiele live miterleben zu koennen), ein original "Swiss Army Perfume" (wenn die wuessten, wie es in einer durschnittlich belegten Massenlagerunterkunft der Schweizer Armee riecht ...) und mit Richard zusammen eines derjenigen Figurini Pannini Fussballweltmeisterschafts-Sticker-Albums, die ich doch fruehrer schon immer mit Begeisterung zu fuellen versuchte. Gleich im ersten Paeckli zwinkert mir der Schweizer Raphael Wicky zu. Juhuu. Hopp Schwiiz. Ab nun gibts jeden Tag zwei Paeckli zum oeffnen - eines fuer Richard und eines fuer mich.

In den Strassen des offiziellen Hexenmarktes werden Kraeuter und Salben gegen und fuer alle bekannten und unbekannten Krankheiten angepriesen: gegen Schlangenbisse und Eisbaerenattacken, gegen Moskitos (die es in La Paz aufgrund der Hoehe nicht gibt) und um die Nachbarin endlich ins eigene Bett bringen zu koennen. Wer ein neues Haus baut, vergraebt im Fundament ein totes Lama - soll Glueck bringen. Woher aber ein totes Lama nehmen? Hexenmarkt - hier gibts alle Groessen getrockneter Lamafoeten. Und wer eine Abneigung gegenueber Lamas hat, der kauft sich eben einen aufgeblasenen Frosch oder ein ausgestopftes Guerteltier.

Um die Englaender davon zu ueberzeugen, dass ausser englischsprachigen Songs noch weitere musikalische Koestlichkeiten existieren auf unserem Planeten, schlage ich vor, in eine bolivianische Peña zu gehen, ein Lokal, in dem nationale Spezialitaeten aufgetischt werden und auf einer Buehne folkloristische Gruppen den Gast unterhalten. Reinfall. Die zweieinhalbstuendige Wartezeit (ja, nicht uebertrieben) auf mittelmaessige panierte Lamaschnitzel und die musikalische Peinigung durch fuenf bolivianische Altiplano-Diven mit nicht abgestimmten Panfloeten tragen nicht zur Erweiterung der britannischen Toleranz gegenueber fremdlaendischer Kultur bei. Auch der Kanadier Stuart laesst sich nicht begeistern, schon gar nicht, als er widerwillig mit einer maskierten Bolivianerin auf der Buehne tanzen muss und versehentlich (?) von deren Kopfschmuck (echtes Kuhhorn) auf der Backe gestochen wird, was eine ziemlich stark sprudelnde Blutung zur Folge hat.

27. Mai
La Paz / Tihuanaco
Die wichtigsten und imposantesten Ruinen von Bolivien sollen es sein, die wir heute per Tagesausflug von La Paz aus in Tihanuaco besuchen werden. Kann sein. Doch nach all den Mochica-, Chimu-, Nazca- und Inkaruinen in Peru laesst sich keiner mehr richtig begeistern. Das Alter Tihanuacos schaetzt man auf gegen zweitausend Jahre, die Tempelanlagen scheinen von duennen Goldplatten ueberzogen gewesen zu sein, und viele Forscher vermuten, dass diese Indiokultur sogar Kontakt mit pazifischen Voelkern und Aegypten hatte.

Zum Inneren der Tempelanlage gewaehrt man uns keinen Zutritt. Die vielen bewaffneten Soldaten und fahnenschwingenden Indio-Bauern fallen uns auf. Edit, unsere lokale Guidin, erkundigt sich, was denn heute spezielles los sei hier: Hugo Chavez, der beruechtigte Praesident Venezuelas sei hier! Hm, auch nicht schlecht, also bestaunen wir den von vielen als neuen Fuehrer des sozialistischen Suedamerikas bezeichneten Hugo Chavez anstelle des steinernen Sonnentors und den bis zu zehn Meter hohen antiken Statuen.

Hugo Chavez gilt als bester Freund Fidel Castros. Raul Castro (Bruder von Fidel und Vizepraesident Kubas) sei vor nur zwei Tagen hier in Tihuanaco gewesen, und Evo Morales, der neue Praesident Boliviens (selbst Indio aus einer laendlichen Region, Sozialist und juengstes Mitglied im Anti-USA-Gespann Suedamerikas) wird in etwa zwei Stunden in Tihuanaco erwartet. Hugo Chavez spricht vor einigen Hundert Bauern von der Zukunft eines unabhaengigen Suedamerikas, waehrend ich mir ein Che-Fidel-Chavez-Evo-Shirt kaufe.

Abends geraet unsere Gruppe dann aber doch wieder in den Strudel des westlichen Kapitalismus. Auf dem Schwarzmarkt kaufen wir fuer zehn statt sieben US-Dollar Tickets fuer den Kinofilm "The Da Vinci Code" mit Audrey Tatou und Tom Hanks. Wir alle haben vorgaengig das Buch gelesen und diskutieren anschliessend gespannt ueber die soeben gesehene Umsetztung auf Leinwand.

28. Mai
La Paz
Eine private Stadtfuehrung bringt uns zum Valle de la Luna, dem Mondtal. Die zerklueftete und verwaschene Minicanyonlandschaft soll entfernt an die Oberflaeche des Mondes erinnern. Die Sandstein/Lehmtuerme sind nur einige wenige Meter hoch, doch aufgrund fehlender Perspektivreferenzen bieten sie gigantische Szenerien auf Fotos. Etwa eine Stunde spazieren wir auf einem gut praeparierten Weg durch diese einzigartige Landschaft, und wuenschen uns den Panfloetenspieler, der uns auf Schritt und Tritt das ewig praesente "El Condor Pasa" spielend, auf den wirklichen Mond.

Auf dem Weg retour vom Valle de la Luna passieren wir noblere Stadtteile von La Paz. Schwarzwaldchalets und englische Jagdschloesser, der welthoechste Golfplatz und Hundefriseursalons stellen ein dramatisches Gegengewicht zum von Marktstaenden gepraegten Zentrum der Hauptstadt Boliviens dar. Ex-Nazi Mengele wohnte hier bis vor wenigen Jahren, und ruehmte sich als gefuerchteter Chefausbilder der Armee der bolivianischen Militaerjunta.

Nachmittags flaniere ich nochmals durch das Marktwirrwarr des Zentrums und stosse erneut, wie schon vor einigen Monaten in Patagonien, per Zufall auf Martin, meinen Ex-Schul- und Pfadikameraden.

29. Mai
La Paz - Potosí
Den Weg aus La Paz zu finden sei nicht immer ganz einfach, doch diesmal scheinen wir Glueck zu haben. Anna und Ian manoevrieren uns auf direktester Route auf die Strasse in Richtung Potosí, der Silberminenhauptstadt Suedamerikas.

Die zwoelfstuendige Fahrt nutze ich wiederum als Gelegenheit fuer einen weiteren Versuch, die Englaender davon zu ueberzeugen, dass nicht nur englischsprachige Musik auf dem Erdenrund exisitert. Zwecklos.

Mai IV - Altiplano / Titicaca

4. Mai 2006
Cusco - Sillustani
Im Hotel Cahuide in Cusco verabschieden wir uns von Zoë, der bisherigen Guidin. David, unser bisheriger Driver begleitet uns die folgenden Tage noch mit seinem neuen Truck ("Cameron"). Mit unserem neuen Guideteam, das australische Paerchen Anna und Ian, fahren wir im neuen Truck ("Mamasita") von Cusco los ueber das Altiplano in Richtung Titikakasee.

Die vielen Schulklassen mit buntbemalten Schildern (v.a. Blumen) auf den Strassen erinnern uns daran, dass heute der "Tag des Gartens" ist. Nach etwa drei Fahrstunden nehmen einige lokale Bauern in einem kleinen Altiplanodoerfchen den gruenen Tag allzu persoenlich und kleiden die Strasse vor uns mit Aesten, Reisig und Heu aus. Originell, doch wir warten zehn Minuten, bis die Strasse fuer uns von Polizisten geraeumt wird.

Einige Kilometer weiter erwaertet uns die naechste Gartenanlage mitten auf der Strasse, diesmal ein ziemlich imposanter Steingarten, freundlich arrangiert von nicht ganz freundlichen Bauern, die gegen die Kooperation der peruanischen Regierung mit den USA protestieren. Das bilaterale Abkommen mit den uebermaechtigen Vereinigten Staaten bringe allenfalls den Regierungsbeamten, nicht aber den Bauern des Altiplanos etwas. Wir stimmen der Ablehnung gegen die Globalisation glaubwuerdig zu, erklaeren heftigste Abneigung gegenueber den "Yanquis" und zeigen stolz unsere nichtamerikanischen Paesse. Die Strasse wird fuer uns geraeumt (schliesslich wolle man nicht den Tourismus in der Region belaestigen). Alle peruanischen Fahrzeuge werden aber zurueckgehalten.

Naechstes Dorf, gleiches Szenario: Auch hier wird die ueber hundert Meter von Steinen zugedeckte Strasse - nach 90 Minuten Wartezeit - fuer uns geraeumt. Die Bauern winken uns zu, die Lastwagenfahrer, deren Fahrzeuge nicht durchgelassen werden, zeigen uns erbost mit erhobenen Faeusten ihren Frust.

Einige Kilometer weiter, wiederum gleiches Szenario: frustierte Lastwagenfuehrer versuchen die Polizei daran zu hindern, uns durchzulassen. Die Stimmung ist aeusserst gereizt, am Rande der Blockade brennt ein riesiges Feuer (Autoreifen). Hunderte Menschen stehen am Strassenrand, protestierend. Einige schlagen mit der Faust auf unseren Truck. Ian ruft "Heads down" (Koepfe runter). Wir rattern ueber grobe Gesteinsbrocken, die drei peruanischen Mechaniker, die mit David im Truck vor uns mitfahren, steigen immer wieder aus und raeumen die Strasse - zum Unwillen der protestierenden Bauern.

Die ersten Steine fliegen, die Scheibe der Fahrerkabine unseres Trucks klirrt und Jacky auf dem Beifahrersitzt wird am Fuss getroffen. Nicht ernsthaft, ein Pflaster hilft, doch die Lage wird ernst und die komfortable Fahrt im luxurioesen Truck durchs Altiplano wird zu einem Spiessrutenlauf, wie ihn die beiden australischen Guides noch nie erlebt haben. Wir Passagiere schon gar nicht.

Die vielen Blockaden bringen uns in grosse Verspaetung. Um zehn Uhr Abends sind wir noch immer ueber hundert Kilometer vom naechsten geplanten Campingplatz entfernt. An einem Strassenkiosk in einem ruhigen Staedtchen kaufen wir uns Pommes Frites und Poulet zum Znacht. Richtig Appetit hat aber niemand.

Nochmals eine Blockade, klein zwar, aber erstmals wird von uns Geld verlangt, damit wir passieren koennen. Vier peruanische Soles, zwei pro Truck, was ungefaehr 70 Schweizer Rappen entspricht. Ian nutzt die Gelegenheit in der Dunkelheit, um den lokalen Bauern die gefaelschte Zwei-Soles-Muenze anzudrehen, die er schon seit Wochen versucht loszuwerden - diesmal mit Erfolg. Dankend raeumen die Bauern fuer uns die Strasse: Dutzende ueber zehn Kilo schwere Gesteinsbrocken werden beiseite geschafft, um hinter uns gleich wieder auf die Strasse zu legen.

Endlich scheinen wir in freundlicheres Gebiet zu kommen. Ich loese Stuart auf dem Co-Driver-Sitz ab (Anna begleitet David in seinem Truck) und bleibe hier bist morgens um zwei, als wir endlich in Sillustani, unserem Nachtlager, ankommen. Niemand findet Motivation, in der beissenden Kaelte sein Zelt aufzubauen, also bleiben wir im Truck, teils liegend, teils sitzend, und froh darueber, die vergangenen Stunden heil ueberstanden zu haben.

In den folgenden Tagen, so vernehmen wir spaeter, wurden die Blockaden verstaerkt und die Agression gegenueber fremden Gaesten intensiviert.

25. Mai 2006
Sillustani / Titikakasee / Uros-Inseln
Morgens um sechs Uhr werde ich vom Licht der aufgehenden Sonne geweckt, im Truck, sitzend im Schlafsack. Erst jetzt laesst sich erkennen, wie wunderschoen gelegen unser Uebernachtungsstandort ist: auf einer Halbinsel eines spiegelglatten Sees, umgeben von gelbem Steppengras und Inkaruinen.

Waehrend dem ganzen Tag steht uns Placido, ein lokaler Guide, zur Verfuegung, der kaum glauben kann, was wir gestern Nacht durchstanden haben. Er fuehrt uns morgens durch die Ruinenanlage von Sillustani - vorwiegend Grabbauten aus der Zeit vor und waehrend der Inkakultur. Die Gruppe zeigt heute aber keine grosse Lust, Steinhaufen zu bestaunen. Davon hatten wir genug auf der Strasse letzte Nacht.

Nachmittags fahren wir von Puno aus mit einem Boot zu den schwimmenden Schilfinseln der Uros-Indianern. Vorgestellt hatte ich mir einige wenige aus Schilf geflochtene Inseln mit armseligen Huetten und einigen Indios. Doch die wohl dutzende Quadratkilometer grosse Flaeche von aneinander gebundenen Schilfinseln mit den teils mehrstoeckigen Bauten aus Schilf lehren mich eines Besseren: Tausende Indios leben auf dem See, haben sich an das harsche und rauhe Klima gewoehnt. Wie eine Stadt liegt die Heimat dieser einzigartigen Kultur vor uns. Wir besuchen eine der Inseln und lassen uns per Schilf Kanu auf eine andere fuehren. Ich bin begeistert!

Der Titikakasee gilt als der hoechstgelegene beschiffbare See weltweit. Groesser als der Genfer- und Bodensee zusammen liegt er auf 3'750 Meter ueber Meer. "Titi" bedeutet in der Sprache der Aymaras "Puma", und "Kaka" steht fuer "grauer Stein". Tatsaechlich, auf einer Karte betrachtet (Sueden ist oben) gleicht der Umriss des Sees einem Puma, der einen Hasen faengt. Der Name des Sees wird oft irrtuemlich mit zwei "c" statt mit zwei "k" geschrieben. "Caca" bedeutet "Kot" - doch der See ist sauber, so sauber dass die Uros-Indios dessen Wasser ohne Aufbereitung trinken koennen. Also: "Titikaka".

26. Mai 2006
Sillustani - La Paz
Ein weiterer Grenzuebertritt steht an: von Peru nach Bolivien. Nach den Ereignissen von vorgestern Nacht ist keiner richtig enttaeuscht, Peru schon verlassen zu muessen.

In Copacabana besichtigen wir die anscheinend wichtigste Kirche von ganz Suedamerika (der Strand in Rio de Janeiro, wo wir in vier Wochen Samba und Caipirinhas geniessen werden, ist benannt nach dieser Kirche). Der reichlich von Gold ueberzogenen Altaraufbau zeugt von der Macht der Kirche - und wir fragen uns, wieviele kunstvolle Inka-Goldschaetze fuer den kirchlichen Prunk Copacabanas wohl eingeschmolzen wurden ...

Nach dem ueberraschend schnellen Grenzuebertritt nach Bolivien muessen wir den Titikakasee an seiner schmalsten Stelle ueberqueren. Eine schaukelnde Personenfaehre bringt uns in zehn Minuten zum anderen Ufer, waehrend Ian mit "Mamasita" auf einer hoelzernen, loechrigen, faehrenartigen Plattform (mit dem aufmunternden Namen "Esperanza", Hoffung) den See zu ueberqueren gefordert ist.

Spaet abends treffen wir ins La Paz ein, zuerst in den armen Vororten auf der Hochebene ("El Alto"), dann ueber den Rand des riesigen Talkessels in Richtung Stadtzentrum hinab. Die legendaere Skyline der bolivianischen Hauptstadt unter und rund um uns herum laesst uns staunen und weckt die Vorfreude auf die kommenden drei Tage in La Paz.

Tuesday, May 16, 2006

Mai III - Cusco / Machu Pichu

16. Mai 2006
Cusco
Der Nabel der Welt sei Cusco, behaupteten die Inkas. Von hier aus regierten und kontrollierten sie ihr maechtiges Reich, dass in der Hochphase die Groesse des roemischen Imperiums uebertraf. Alle Indiovoelker Perus, Ecuadors, Boliviens und dem Norden von Chile und Argentinien mussten sich ab etwa 900 n.Chr. der Macht der Inkas unterwerfen, die v.a. aufgrund organisatorischer Vorteile unbesiegbar schienen.

Als die Spanier unter der Fuehrung Francisco Pizzaros in Suedamerika eindrangen, mussten auch diese feststellen, dass die Inkas kaum besiegbar schienen. Nur wegen einer geschickten Ausnuetzung eines Thronfolgerdisputes im Indoreich konnten sich die Spanier nach vielen Jahren blutigen Kaempfen 1533 durchsetzen. Was waere wohl geschehen, wenn die Inkas erfolgreich widerstehen haetten koennen?

In den Gassen von Cusco zeugt heute nur noch wenig vom einzigen Glanz der Inkazeit. Die Sonnentempel, Befestigungsanlagen, Palaeste und Wohnquartiere wurden von Pizzaros Armee niedergerissen, und auf den uebriggebliebenen Grundmauern wurden Kolonialpalaeste und Kirchen errichtet, deren Altaere mit dem geschmolzenen Gold der Inka-Reichtuemmer geschmueckt sind.

Die schmalen Gaesschen mit den vereinzelten Ueberresten von Inkamauern, den kolonialen Holzbalkonen, den unzaehligen Souvenirshops (Panfloeten, Indioponchos und Alpakapullover), den Bars und Fruechtestaenden laden zum stundenlangen Flanieren ein. Fuer 18 peruanische Soles (= CHF 7.-) erstehe ich mir ein handbemaltes Holzschachbrett mit buntbemmalten Terracotta-Figuerchen: Inkas gegen Spanier! Und ich frage mich, wie ich wohl das Brett manipulieren kann, dass wenigstens im Spiel die Inkas gewinnen ...

17. Mai 2006
Sacred Valley / Sacsaywuaman / Pisac
Luis und Fernando von der Trekkingtour Andina Travel holen uns fruehmorgens im Hotel ab. In den kommenden fuenf Tagen zeigen sie uns die imposantesten Inkaruinen, begleiten uns ueber entlegene Trekking-Pfade zu Indio-Doerfern und fuehren uns auf den Machu Pichu, wo die legendaere, von den Spaniern nie entdeckte Inkastadt liegt.

Bei Sacsaywuaman (oder "sexy woman", wie die Englaender vorzugsweise zu sagen pflegen) bestaunen wir Ueberreste von Grundmauern einer maechtigen Befestigungsanlage. Die meterhoehen Steinbloecke passen nahtlos in einander, keine Nadel oder Papier koennte dazwischen geschoben werden. Der groesste der Bloecke misst ueber acht Meter und wird auf 45 Tonnen geschaetzt.

Der Bau von Sacsaywuaman soll etwa hundert Jahre gedauert haben. Der Steinbruch, aus dem die gigantischen Megalithen stammen, liegt fuenfzehn Kilometer entfernt. Eine Legende besagt, dass ein herunterrollender Steinblock dreitausend Arbeiter getoetet haben soll. Die gezackten Grundlinien der Anlage erinnern an ein Raubtiergebiss. Und tatsaechlich: das Cusco der Inkazeit hatte bewusst den Grundriss eines Pumas - Sacsaywuaman stellt den Kopf dar.

Pisac, eine weitere Stadt in der Region, gleicht dem Umriss eines Vogels: der Sonnentempel und die umliegenden Wohngebaeude der Adligen repraesentieren den Kopf, die Terrassen links und rechts der Stadt gleichen Fluegeln. Zwei Stunden kraxeln wir den Federn bzw. Terrassen entlang, bestaunen wiederum die praezise Bauweise der wichtigsten Gebaeude und Tempel, und lauschen dem munteren Plaetschern des 600 Jahre alten Wasserkanals, der noch immer einwandfrei ueber- und unterirdisch funktioniert.

Die anschliessende vierstuendige Busfahrt endet mit Blechschaden in einem Bergbach, gluecklicherweise in jenem Dorf, in dem wir beabsichtigen zu zelten.

18. Mai 2006
1. Trekkingtag
Die Kaelte der Anden-Nacht auf 3500m vermochte meinen Murmeltier-Schlaf nicht zu rauben. Die Englaender aber in ihren fuer karibische Verhaeltnisse bestimmten Schlafsaecken mussten sich mit Zittern und Schlottern zufrieden geben, und lauschten neidisch dem ehrwuerdig gemuetlichen Schnarchgeraeusch aus dem Schweizer Einzelzelt.

Den hoechsten Punkt des Tages, ein Pass auf 4550m, erreichen wir in ermuedend langsamen Tempo. Alle zehn Minuten wird eine Pause ausgerufen. Unmoeglich, einen Marschrhythmus zu finden. Tatsaechlich gibt sich eine Englaenderin bald geschlagen und ersteigt das extra dafuer vorgesehene Maultier, um reitend ueber den Pass getragen zu werden.

Nach einem kurzen Abstieg gelangen wir auf eine kleine gruene Hochebene mit tiefblauen Bergseen. Mein Schweizer Wanderherz jodelt und jauchzt. Aus dem iPod erquickt Florian Ast mein Gehoer und perfektioniert das Heimatgefuehl. Fehlt nur noch ein kuehler Apfelmost und Ovosportriegel ...

Abends, vor dem Abendessen an den Klappstuehlen im blauen Zelt (Erinnerungen an den Kilimanjaro, an Nepal und den Aconcagua), helfen wir Juana, einer Bergbaeuerin, bei der Kartoffelernte. Sie zeigt uns, wie die Kartoffeln mittels einer einfachen Hacke ausgegraben werden koennen und gelagert werden. In einem einfachen Erdofen braten wir einige Kartoffeln - und geniessen nach einer halben Stunde die wohl leckersten Baked Potatoes ueberhaupt. Selber gepflueckt und zubereitet! Da braucht's nicht mal Sour Cream dazu!

19. Mai 2006
2. Trekkingtag
Ein weiterer Pass soll ueberquert werden, diesmal noch 200m hoeher als gestern. Kein Problem - schliesslich habe ich gegenueber den britannischen Froestlern meinen Schlafvorsprung noch um einige Stunden ausbauen koennen. Das Marschtempo und die Pausenkadenz wird drastisch veraendert. Bereits alle fuenf Minuten wird angehalten, getrunken und verschnauft. Der Marschrhythmus, wird somit nicht zerstoert, sondern gar nicht erst begonnen. Nach sechs Stunden erreichen wir die Passhoehe aber dennoch - Den Berggoettern widme ich als Dank fuer den geschenkten tiefen Schlaf ein ansehliches Steinmannli.

Tagesendziel ist Paradise Beach, eine kleine Waldlichtung auf 2900m, an einem sprudelnden Bach gelegen. Abends am Lagerfeuer spielen wir Personenraten und lassen uns getreu der Inka-Mummifikations-Methode vom Rauch des nassen Brennholzes einraeuchern.

20. Mai 2006
3. Trekkingtag / Ollyantantambo
Nur noch vier Stunden Marschzeit sind es bis zur Strasse, an der uns der Bus erwarten wird. Wir wandern dem Bergbach talwaerts entlang, weichen grimmigen Kuehen aus, erforschen eine alte Zollstation des Inkaimperiums, vertreiben klaeffende Alphunde und opfern unsere Lunch-Resten winkenden Indiokindern.

Der Bus bringt uns nach Ollyantantambo, einem ansehlichen Dorf im Urubamba-Tal. Oberhalb der Siedlung ragen wiederum Mauern eines einstigen Inkatempels in den blauen peruanischen Himmel. Die Anlage wurde zwar nie ganz fertig gebaut (die Spanier kamen dem Projekt zuvor), dennoch wird sie zu den wichtigsten Inkastaetten gezaehlt. Viele auf den ersten Blick zufaellig herumliegende Steine sind genau der Sonne nach ausgerichtet. So wirft zum Beispiel die Felsspitze, die einem Schnabel eines Kondors gleicht, nur am 21. Juni bei Sonnenhoechststand einen Schatten auf einen runden polierten Stein, und am selben Tag gelangen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne genau zum Tempel auf dem hoechsten Punkt.

Lange suchten die Archaeologen nach dem Steinbruch, aus dem die riesigen Bloecke der Tempelanlage stammen. Vor einigen Jahren hat man ihn gefunden: auf dem Gipfel eines ueber 2000m hoeher liegenden Berges, auf der anderen Talseite! Die gigantischen Steinbloecke konnten nicht ueber den Fluss transportiert werden, also wurden sie in der Naehe des Flusses deponiert, und der Fluss anschliessend umgeleitet. Auch der Grundriss Ollyantantambos gleicht einem fuer die Andenbevoelkerung wichtigen Tier: dem Lama.

Wir verabschieden uns von den Traegern und Koechen mit dem mehr als verdienten ansehlichen Trinkgeld und beziehen unser Hotel. Aufgrund ungleichmaessiger Frauen-Maenner-Verteilung in unserer Gruppe erhaelt Jacquie, die Englaenderin, ein Doppelzimmer zur Einzelbenuetzung zugesprochen, waehrend ich mein Zimmer mit Luis, dem lokalen Guide teilen darf. Mehr Kontakt mit der lokalen Bevoelkerung habe ich mir ja immer gewuenscht, also stelle ich mich der Herausforderung und lausche dem explosiven Schnarchen und Schmatzen (mit minutenlangen Aussetzern, die umso krachender wieder in ein unregelmaessiges Chaos aus unkontrollierten Toenen aller Art fuehren) von Luis, der sturzbetrunken um halb drei Uhr morgens von seiner Sauftour ins Zimmer stolpert - Das Trinkgeld, welches wir ihm irrtuemlich zu frueh gegeben haben, sei also gut investiert in der lokalen Gastronomieszene.

21. Mai 2006
Machu Pichu
Um 05.45 sei Tagwache, 06.00 Fruehstueck und spaetestens um 06.15 muessen wir losmarschieren zum Bahnhof, mahnte uns Luis am Vorabend noch und erinnerte an die Wichtigkeit der Puenktlichkeit. Der Morgen beginnt wie erwartet: Um 05.45 untermalt das willkommende Piepsen meiner Armbanduhr die urzeitlichen Schnarchkracher, die die Waende der umliegenden Inka-Ruinen erschuettert haben werden, ich gehe ins Bad, rasiere mich, dusche, wandle schlaftrunken zurueck ins Zimmer und stelle fest, dass Luis noch immer die Richterskala auf Stufe neun erdonnern laesst. Ich ruettle und schuettle ihn, bis er einige mir unbekannte Woerter auf spanisch schmatzt und klopfe anschliessend an alle Tueren im Hotel, hinter denen vielleicht Englaender und Kanadier schlafen, die ebenfalls aufstehen sollten. Zurueck in meinem Zimmer wecke ich Luis erneut und erinnere ihn an die Wichtigkeit der Puenktlichkeit. Um 06.15 dann endlich sitzen alle beim Fruehstueck. Nur Luis nicht, den ich vorsichtshalber nochmals wecken gehe. Der beissende Gaergeruch seiner nasalen Ausduenstung verbietet mir einen weiteren Weckversuch, also wird Stuart, der Kanadier, dazu auserkoren. Bei dessen zweiten Angriff endlich springt Luis auf. Es sei Zeit, loszumarschieren, meint er sogleich. Ach ja?

Der Zug bringt uns entlang dem Urubambafluss nach Aguas Calientes, wo wir in einen Bus umsteigen. Die Fahrt durch die in Morgensonne getauchte imposante Andenlandschaft waere noch viel genussvoller, wuerde der muffige Geruch und die lallenden Toene nicht an die Vornacht eines lokalen Guides erinnern. Endlich, im Bus schlaeft Luis ein. Dies eroeffnet uns eine Verschnaufpause - doch sogleich krachts und donnerts erneut aus seinem ansehlichen Riech- und Schnarchorgan, zum Erstaunen der franzoesischen Seniorengruppe, die direkt hinter uns sitzt.

Endlich erreichen wir das Eingangsportal von Machu Pichu, und die Freude auf die bevorstehenden Eindruecke lassen uns die Strapazen der vergangenen Stunden vergessen.

Ob das auf einem Bergsattel mitten im Dschungel gelegene Machu Pichu eine bewohnte Stadt war, eine Astronomie-Universitaet fuer Adelige oder ein riesiges Grabmal fuer den wichtigsten Inkaherrscher Pachacutec - die Archaeologen streiten sich darueber. Doch fest steht, dass die Anlage bereits vor der spanischen Eroberung Suedamerikas verlassen wurde und von den Eindringlingen nie entdeckt wurde. Entsprechend gut erhalten praesentieren sich heute die Haeuser und Terrassen.

Nach der ueberstandenen "Cockroach-Fiesta" in Amazonas (siehe Bericht "Ecuador") werden wir auf Machu Pichu Zeuge der "Attacke der Killer-Lamas". Die ansonsten gemuetlich kauenden Wollspender, die hier wohl zu touristischen Zwecken gehalten werden, wandeln einen hormonell bedingten Agressionsschub in eine sinn- und ziellose Attacke auf unschuldige amerikanische Touristen um. Pancho, das begehrte Lamamaennchen, nutzt die allgemeine Verwirrung fuer Fortpflanzungsversuche.

Der ganze Tag steht uns zur Verfuegung fuer die Erforschung von Machu Pichu. Zusammen mit Richard erklimme ich am Nachmittag den spitzen zuckerhutartigen Berg hinter der Ruinenstadt. Eine Stunde wird fuer die Besteigung angegeben. Getrieben vom Drang nach Aussicht und Erhabenheit steigen wir in grossen Schritten, stehen bereits nach 35 Minuten ganz zuoberst und stellen fest, dass auch hier Terrassen und Grundmauern von Inka-Haeusern vorzufinden sind. Von schwindelerregender Hoehe blicken wir hinunter zu den Resten der sagenumwobenen Stadt, wo sich hunderte Touristen zwischen den Mauern tummeln und Pancho seinen Dienst an der Arterhaltung leistet.

Zurueck im Hotel Cahuide in Cusco werden wir von Zoe und David, den beiden bisherigen Dragoman-Guides, und Ana, der Fahrerin des naechsten Abschnittes, mit Champagner begruesst und an den 24-Stunden-Challenge erinnert, eine Dragomantradition: 24 Stunden am Stueck wach bleiben am Tag der Machu Pichu Besichtigung. Meine langjaehrige und serioese Vorbereitung in der Schweiz kommt mir hierzu stark entgegen, doch die Hoehenluft und die vielen Marschkilometern der vergangenen Tag in den Beinen koennten ein Hindernis darstellen. Das einzige richtige Hilfsmittel ist laute Musik zum Tanzen.

Im Club Mythology sitze ich tatsaechlich kein einziges Mal ab, sondern zeige den Latinos auf der Tanzflaeche, wer wirklich Feuer im Blut hat. Fernando, der Hilfsguide der vergangenen Tage feiert ebenfalls mit, doch bald liegt er im Sofa in der Ecke, erschoepft und schlafend. Vom Durchhaltewillen der ansonsten schlafsuechtigen Englaender bin ich erstaunt. Der Alkohol scheint hier einen wichtigen Teil beizutragen.

Um vier Uhr, als die lokale Jugend laengst kapitulierend den Club verlassen hat, begeben auch wir uns auf den Heimweg. Doch noch muessen zwei weitere Stunden ueberstanden werden. Zusammen mit Richard, Patrick, Bella, Antonia und Rachael verbringe ich diese lesend und TV schauend im Hotelzimmer, bis endlich um 05.45 Uhr dasselbe Piepsen meiner Armbanduhr uns erloest, welches genau 24 Stunden zuvor Luis' Schnarch-Symphonie im Hotelzimmer in Ollyantantambo erfolglos zu beenden versuchte.

22. Mai 2006
Cusco
Der Folgetag der 24-Stunden-Challenge dient vor allem der schlafenden Regeneration und Waeschereinigung. Erfolglos versuche ich mit Richard ein Kino zu suchen, welches "The Da Vinci Code" auf englisch zeigt.

Abends ueberrede ich einige mutige Englaender ein letztes Mal dazu, peruanisch essen zu gehen. Nochmals lasse ich mir Ceviche schmecken, die lokale Sushi-Variante, in Zitronensaft und Zwiebeln eingelegter roher Fisch mit Kartoffeln.

23. Mai 2006
Cusco
Den letzten Tag in Cusco nutze ich fuer einen Museumsbesuch und Souvenireinkaeufe. Im Inkamuseum werden bewusst deformierte menschliche Schaedel gezeigt, die ziemlich an unsere gaengige Vorstellung von Ausserirdischen erinnern - faszinierend und erschuetternd zugleich!

Sunday, May 07, 2006

Mai II - Perú Kueste / Lima / Arequipa

4. Mai 2006
Cuenca - Punta del Sol
Bereits nach sieben Tagen muessen wir uns von Ecuador verabschieden. Bei Tumbes ueberqueren wir die Grenze nach Perú. Sechs verschiedene Grenzposten verteilt auf 15 Kilometer lassen das Uebertrittsprozedere zweieinhalb Stunden dauern:
- Truck wird aus Ecuador ausgestempelt
- Warenzoll Ecuador
- Emigration Ecuador
- Imigration Perú
- Warenzoll Perú
- Truck wird in Perú eingestempelt
Dieser Grenzuebertritt gilt in Suedamerika als einer der einfachsten. Bin gespannt auf das, was folgt.















Die gruene, huegelige Landschaft Ecuadors tauschen wir nach einer beeindruckenden Fahrt entlang unendlicher Bananenfelder gegen die karge, trockene Kueste von Nordperú ein. Im kleinen Doerfchen Punta del Sol uebernachten wir (lediglich Transitstopp). Die Bungalows stehen direkt am riesigen, natuerlichen Sandstrand. Muede lasse ich mich vom Rauschen der Pazifikwellen in den Schlaf wiegen.

5. Mai 2006
Punta del Sol - Huanchaco
Schon lange vor den Inkas bewohnten maechtige Indio-Voelker Suedamerika. Der Stamm der Mochicas lebte um etwa 200 bis 600 n. Chr., vorwiegend in der wuestenartigen Kuestengegend im Norden des heutigen Perus. Wir besuchen ein modernes, umfangreiches Museum (in Form einer riesigen Mochica-Tempelpyramide), das die Schaetze von Sipán zeigt, einer nahen aerchologischen Staedte.

Die unzaehligen Goldkronen, fantasievollen Keramikgefaesse und riesigen Ohrsteckern (die nur der Koenig tragen durfte), scheinen unermesslichen Wert zu haben - ebenfalls die Laterne beim Museumsparkplatz: Eine ein Meter hohe Plastiksaeule mit einer 40 Watt Gluehbirne. Das Gebilde kostet (da eben aus Italien importiert) 400 US Dollar, insbesondere wenn ein auslaendischer Dragoman-Truck versehentlich darueber faehrt. Mit diesem Entschaedigungspreis geben wir uns natuerlich nicht zufrieden. Ergebnis der Schlussverhandlungen: 50 US Dollar, die der Parkplatzwaechter wohl vorzugsweise in seine eigene Tasche steckt.

6. Mai 2006
Chan Chan / Huasca de la Luna
Mehrere Quadratkilometer ist sie gross, die der Oeffentlichkeit zugaengliche Lehmziegel-Ruinenstadt Chan Chan bei Huanchaco/Trujillo direkt an der Pazifikkueste. Innerhalb der zwoelf Meter hohen Stadtmauern lebte um 1200 bis 1450 n.Chr. die Koenigsfamilie mit Adel, Verwaltern, Administratoren und Priestern des Volkes der Chimus. Die Anlage wurde vollstaendig aus Lehmziegeln errichtet. Unzaehlige Tierreliefs zieren die Waende. Die Weite und Grosszuegigkeit dieser Stadt ueberrascht mich. Ich versuche mir das emsige Treiben, den Laerm, die Gerueche vorzustellen, als Chan Chan noch in praechtigen Farben erstrahlte.















Unweit von Chan Chan besuchen wir eine Tempelanlage der Mochicas (siehe Eintrag 5. Mai). Von weitem erkenne ich einen 35 Meter hohen pyramidenfoermigen Berg. Dort in der Naehe wird die Tempelanlage wohl sein, denke ich. Doch Edit, unsere einheimische Fuehrerin erklaert uns, dass dies nicht ein Berg, sondern der Huasca del Sol, also der Sonnentempel an sich ist. Errichtet aus Millionen von Lehmziegeln. Die Spitze und Kanten wurden im Laufe der Jahrhunderte Opfer der Regen und Winderosion. Hinter dem Sonnentempel sind Grundmauern der Mochica-Stadt zu erkennen, und gleich dahinter, am Fusse eines tatsaechlichen Berges liegt der Huasca de la Luna, der Mondtempel, dessen Mauern noch zu einem grossen Teil im Sand der Wueste stehen und erst seit wenigen Jahren von einem internationalen Archaeologenteam ausgegraben wird.
















Die Trockenheit der Wueste konservierte die praechtigen, farbigen Reliefs an den Aussenmauern des Mondtempels, als waere er eben erst zugeschuettet worden.

7. Mai 2006

Huanchaco - Lima
Entlang der Kueste, weiter suedwaerts, durch trockene Steppen und perfekte Duenenlandschaften fahren wir nach Lima. Die langen Tage unterwegs im Truck unterbrechen wir mit Mittagessen aus der Truckkueche mit Gaskocher, Campingtischen und -stuehlen, regelmaessige nWC-Stopps an Tankstellen, Fotohalten und unfreiwilligen Rundfahrten im unsignalisierten Dschungel peruanischen Kuestenstaedte.

Die Musikauswahl im Truck gibt immer Anlass zu Diskussionen. Da beanstanden einerseits die beiden 19jaehrigen Englaenderinnen das zu hohe Durschnittsalter der vielen Rockklassiker, das Kanadierpaerchen wiederum steht auf Aretha Franklin, Blues Brothers & Co., waehrend ich mich ab und zu auf ein Lied in einer anderen als der englischen Sprache freuen wuerde (was fuer Englaender unbegreiflich ist). Also schlage ich vor, dass wir eine demokratische Playlist erstellen: jeder waehlt fuenf Songs aus, die wir dann dank moderner iPod-Technologie zu einer globalen Liste zusammenfuegen und mittels Zufallsreihenfolge abspielen. Die Idee findet begeisternden Anklang, also erstellen wir 55-Song-Liste mit Guns'n'Roses, S Club 7, George Michael, Prince, Frank Sinatra, Chesney Hawkes, Lenny Kravitz usw.